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Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau – Heft 1/2006 (Nr. 52)

Literaturbericht

Hans-Jürgen von Wenierski/Claudia Lübcke

Zwischen Allah und HipHop – Junge Muslime in der Jugendforschung

Angesichts gegenwärtig (wieder) verstärkter Diskussionen über Multikulturalität, deren Realitäten und Realisierungen, in Deutschland sind die Befunde aus exemplarisch ausgewählten Jugendstudien, die sich mit den Lebenswelten junger Muslime hierzulande beschäftigen, gesellschaftspolitisch wie pädagogisch mehr als bedeutsam. Hans-Jürgen von Wensierski und Claudia Lübcke zeigen in ihrem großformatigen Beitrag Vielfalt und Unterschiedlichkeiten, die in diesen Lebenswelten einen Ausdruck finden, und machen deutlich, dass gegen alle Uniformisierungsvorstellungen jugendkulturelle Lebensstile und -formen infolge von Individualisierungs- und Pluralisierungsprozessen sich jenseits der Alternative von »westlich-säkularisiert« und »islamisch-traditionell« rekonstruieren lassen.

Rezensionsaufsätze

Heiko Geiling

Symbolische Macht, Eliten und ihre Reproduktion

Mit seinem Forschungsbericht »Der Staatsadel« ist es P. Bourdieu, wie Heiko Geiling in seinem Text nachzeichnet, in eindrucksvoller Weise gelungen, die Legitimationsgrundlagen der Inhaber gesellschaftlicher Macht, insbesondere den strikten Leistungsbezug ihrer schulischen Titel, ihre Gemeinwohlorientierung, die Unpersönlichkeit ihrer schulischen und universitären Prüfungen sowie die angeblich neutrale Amtsführung und Sachlichkeit als das zu entziffern, was sich gegenwärtig als höchste Ausdrucksform symbolischer Macht darstellt. Erst die Einsicht in neue Strukturen dieser Macht macht es möglich, die politische Bedeutung der in verschiedenen sozialen Feldern – mit besonderer Betonung des Bildungswesens – geführten Kämpfe zu erkennen. Denn es handelt sich dabei um Kämpfe miteinander konkurrierender Eliten um die Legitimität ihrer jeweiligen Reproduktionsstrategien, deren Partikularität durch symbolische Verallgemeinerung zu verschleiern gesucht wird. Solange Verallgemeinerung bedeutet, dass damit Türen zum Allgemeinen, zur Vernunft, zum Gemeinwohl und zur Uneigennützigkeit von den Herrschenden aus historisch-spezifischen Legitimationsgründen nicht einfach zu schließen sind, haben die Beherrschten eine wie auch immer geringe Chance zur Entwicklung von Gegenmacht.

Ulrich Steckmann

Modernität, Säkularität, Multikulturalität – Charles Taylors Sozialphilosophie

Über das Werk eines anderen, wesentlichen – sozialphilosophischen – Analytikers der Gegenwart, Charles Taylor, handelt Ulrich Steckmann. In dessen neuester Arbeit geht es um die Rekonstruktion des Selbstverständnisses moderner westlicher Gesellschaften. Die Diversität westlicher Modernitäten steht dabei im Kontext von Bezügen auf Säkularität und Multikulturalität im Zentrum der Betrachtung, so dass sich auch hier ein Abweis von Homogensierungsvorstellungen als grundlegend ergibt.

Stefan Vogt

Emanzipation nach Auschwitz. Zu Enzo Traversos Studien über die Bedeutung der Shoa für die Geschichte der Moderne

Der Moderne, die in Auschwitz allen Fortschrittsideen zum Trotz ihr hervorstechendstes Signum gefunden hat, gelten grundlegende Analysen Enzo Traversos. Stefan Vogt stellt entscheidende Leitmotive dieses Werkes vor und verortet sie in unterschiedlichen Strängen von Gesellschaftsanalyse und Sozialphilosophie. Deutlich wird hier, dass mit diesem Werk ein entscheidender Beitrag zur Vermittlung von Moderne, Nationalsozialismus und Antisemitismus vorliegt, der in seiner Bedeutung und Aussagekraft unhintergehbar ist für alle folgenden Versuche, die die Idee menschlicher Emanzipation – auch für die Perspektiven Sozialer Arbeit nach wie vor grundlegend – nach der »Dialektik der Aufklärung« noch denken wollen.

Klaus Holz

Eine kritische Theorie des Antisemitismus?

Klaus Holz nimmt in seinem Aufsatz die nachfolgend abgedruckte Studie von Lars Rensmann zum Anlaß sowohl einer grundsätzlichen Kritik an dessen Vorgehen als auch für eine grundsätzliche Positionierung der seiner Einschätzung nach erforderlichen methodologischen Operationen im Bereich der Forschungen zum historischen wie gegenwärtigen Antisemitismus. Im weiterführenden Anschluss an die Autoritarismusstudie der Frankfurter Schule plädiert er für eine verstärkte Vermittlung von Soziologie und politischer Psychologie.

Lars Rensmann

Parameter einer selbstreflexiven Antisemitismusforschung

In seiner Replik zum Aufsatz von Klaus Holz greift Lars Rensmann Kritikpunkte auf, um sie seiner Einschätzung nach zu widerlegen. Dabei verortet er Forschungsfragen – mit einer Zentrierung auf komparative Problemstellungen – historisch-systematischer Art mit gegenwärtigen politischen Kämpfen, die divergierende Analysen wie Interpretationen »terroristischer« Politiken und Aktionen im Nahen Osten, dem Konflikt zwischen Israel und Palästina, betreffen.

Catrin Heite

Nutzen – Nutzung – Nutzer_innen

Catrin Heite nutzt eine Neuerscheinung zum state of the art der Nutzerforschung in der Sozialen Arbeit, um ein hierin zum Ausdruck kommendes Erkenntnisinteresse bezüglich des »Gebrauchwerts« Sozialer Arbeit zu diskutieren. Aneignungstheoretisch orientiert präsentieren die vorgestellten Beiträge Nutzungsstrategien, Nutzung und Nicht-Nutzung sowie Nutzen und Nicht-Nutzen sozialer Dienstleistungen, um hieraus Konsequenzen für einen Begriff von Professionalität im Sinne einer Demokratisierung Sozialer Arbeit ziehen zu können.

Sammelbesprechung

Melanie Hirtz

Soziale Arbeit im Gesundheitswesen

Angesichts von Entwicklungen im Bereich Sozialer Arbeit, die dazu führen, dass inzwischen ca. ein Viertel aller Professionellen im Gesundheitswesen tätig ist, ist es an der Zeit, sich damit intensiv zu beschäftigen. Melanie Hirtz stellt in ihrem Beitrag die 8 in der Reihe »Soziale Arbeit im Gesundheitswesen« erschienenen Bände vor. Deutlich wird hierbei, wie unterschiedlich die Tätigkeitsfelder der Sozialen Arbeit selbst im eingeschränkten Bereich des Gesundheitswesens sind. Daraus folgt die Aufgabe, methodisches Handeln und Konzepte den jeweiligen Bedürfnissen und strukturellen Merkmalen des Handlungsfelds anzupassen, ohne aber die professionelle Sichtweise und Identität zu verlieren.

Essay

Seyla Benhabib

Citizenship als politisches Problem in Zeiten der Globalisierung

Der Entwicklung von Citizenship als politisches Problem im Zeitalter der Globalisierung widmet sich Seyla Benhabib mit einer tiefgehenden Argumentation. Hier zeigen sich auch grundlegende Probleme von Sozialer Arbeit und Gesellschaftsentwicklung, die die Frage von Bürgerrechten betreffen. Notwendig wird eine sozialtheoretische wie politikwissenschaftliche Analyse der gegenwärtigen Konstitutionsbedingungen von Citizenship als Staatsbürgerschaftskonzept im Augenblick einer Krise des Westfälischen Modells, mit der – vor dem Hintergrund von Globalisierung und Multikulturalität – nationalstaatlich verfasste Identitätspolitiken hinfällig zu werden scheinen. Die Internationalisierung – vor allem in der Gestalt der Europäischen Union – nationalstaatlichen Handelns verweist angesichts der dieser Situation immanenten Ambivalenzen, Widersprüchen etc. auf die Aufgabe der Rekonzeptualisierung von Cititzenship – nicht zuletzt im Interesse der Zukunft von Demokratie.

Einzelbesprechungen

Cornelia Füssenhäuser

Werkgeschichte(n) der Sozialpädagogik (Gerd Stecklina)

Andreas Hanses

Biographie und Soziale Arbeit. Institutionelle und biographische Konstruktion von Lebensgeschichten junger Menschen (Marc Langenbach)

Regina Rätz-Heinisch

Gelingende Jugendhilfe bei »aussichtslosen Fällen«! Biographische Rekonstruktion von Lebensgeschichten junger Menschen (Marc Langenbach)

Chistel Hopf

Frühe Bindungen und Sozialisation: Eine Einführung (Hagen Weiler)

Helma Lutz/Kathrin Gawarecki

Kolonialismus und Erinnerungskultur. Die Kolonialvergangenheit im kollektiven Gedächtnis der deutschen und niederländischen Einwanderungsgesellschaft (Astrid Messerschmidt)

Ulrich Beck/Christoph Lau

Entgrenzung und Entscheidung. Was ist neu an der Theorie reflexiver Modernisierung (György Széll)

Waltraud ›Wara‹ Wende

Krieg und Gedächtnis. Ein Ausnahmezustand im Spannungsfeld kultureller Sinnkonstruktionen (Sven Steinacker)

Armin Bernhard

Antonio Gramscis Politische Pädagogik. Grundrisse eines praxisphilosophischen Erziehungs- und Bildungsmodells (Uwe Hirschfeld)

Michael Niehaus

Das Verhör. Geschichte-Theorie-Fiktion (Knut Berner)

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