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Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau – Heft 1/2007 (Nr. 54)

Literaturbericht

Jan Weyand

Einheit und Aktualität der philosophischen Anthropologie Helmuth Plessners (Seite 5-18)

Mit der zehnbändigen Ausgabe der Gesammelten Schriften von Helmuth Plessner gibt es jetzt die Möglichkeit, das Werk eines der wichtigsten Vertreter von philosophischer Anthropologie und Ge-sellschaftswissenschaften im deutschsprachigen Raum der letzten neunzig Jahre insgesamt zu studieren. Jan Weyand rekonstruiert in einem großformatigen Zugriff zentrale Elemente von Plessners vielgestaltigem und facettenreichem Werk, das auch in seinen zeitdiagnostischen Beiträgen zur deutschen Geschichte bedeutsam ist. Prononziert führt er aus, wie sich die anthropologische Zentralidee Plessners, die von der »exzentrischen Positionalität« des Menschen in der Welt handelt, mit gesellschaftsanalytischen Machtfragen verbindet. Herausgestellt wird zudem die Relevanz der Analysen für gegenwärtige wissenschaftliche Debatten und Auseinandersetzungen.

Rezensionsaufsätze

Günter Roth

Das Bild des Leidens in einer »Gesellschaft ohne Eigenschaften« (Seite 25-33)

Im Anschluss an die von Bourdieu edierten Studien zum »Elend der Welt« verantworten Franz Schultheis und Christina Schulz ein deutsches Nachfolgeunternehmen, mit dem Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag aus der Perspektive derer, die als Unterschicht bzw. im Prekariat lebend dargestellt werden. »Gesellschaft mit begrenzter Haftung« verknüpft zahlreiche Interviews mit Aufgabenstellungen von Gesellschaftsanalyse und Gesellschaftstheorie. Deutlich wird dabei, wie Günter Roth hervorhebt, dass es sich bei den »Opfern« gegenwärtiger gesellschaftlicher Entwicklungen und Verhältnisse nicht (mehr) um die klassischen Verlierer allein handelt, sondern dass Flexibilisierung und Verunsicherungen inzwischen auch große Teile der (vormaligen) Mittelschichten treffen. Das vorgelegte farbige Kaleidoskop unterfüttert eine Soziologie sozialer Ungleichheit, die auf neue gesellschaftliche Kämpfe und Auseinandersetzungen warten lässt.

Stephan Egger

Die Natur des Geistes aus dem Geist der Natur. Ein neues Lebensbild Max Webers verdeutlicht auf monströse Weise die Grenzen der biographischen Illusion (Seite 19-24)

Ebenfalls mit einem großformatigen Werk beschäftigt sich Stephan Egger, wenn er Joachim Radkaus Biografie zu Max Weber mit Bezug auf Ansatz, Vorgehen und Ergebnis kritisch diskutiert. Dabei gelangt er zu der Einschätzung, dass diese monumentale, auf der Grundlage des umfangreichen Briefwechsels erzählte Biografie keine Gelegenheit auslässt, um das klassische biografische Genre bloßzustellen. Seiner Einschätzung nach kann dieses »Lebensbild« keine der Erwar-tungen an eine »intellectual history« erfüllen, da bei Radkau die sexuellen Probleme Webers als treibende Kraft hinter dem Werk dargestellt werden. In einer grandiosen Fehlinterpretation wird vor diesem Hintergrund Webers bahnbrechende »Sozialökonomik« von naturalistischen Vorstellungen angetrieben, die jedes seiner geschriebenen Worte als heimlichen Sublimationsversuch erscheinen lassen.

Dietmar Seeck

Reichtum (S. 34-39)

Der Frage gesellschaftlicher Spaltungen, der Kluft zwischen Armen und Reichen, geht Dietmar Seeck anhand einer Publikation zum Thema »Reichtum« für Deutschland nach. Die interdisziplinär angelegten Beiträge dieses Bandes machen deutlich, dass es in Deutschland, im Unterschied zu anderen Ländern, nur eine wenig entwickelte wissenschaftliche und empirisch abgesicherte Diskussion zum Thema gibt. Auch wird deutlich, dass eine Theorie des Reichtums, wie einige Autoren fordern und zeigen, den Zusammenhang von Reichtum und gesellschaftlicher Macht auf verschiedenen Ebenen zu einem zentralen Thema zu machen hat, um den Fetischcharakter gesellschaftlicher Verhältnisse im Spätkapitalismus dekonstruieren zu können. Diese Strategie der Denaturalisierung gesellschaftlicher Erscheinungen könnte einen weiteren Anlass zu Positionierungen in gesellschaftlichen Kämpfen bieten.

Rudolf Maresch

Philosophienachfolgewissenschaft (S. 40-46)

Mit Fragen von Gesellschaftstheorie und -analyse sowie Positionskämpfen und positionellen Differenzen anderer aktueller Art ist Rudolf Maresch befasst, wenn er unter dem Titel »Philosophienachfolgewissenschaft« grundlegende Fragen der Begründung und Verortung von Medienwissenschaft verhandelt. Geistes- wie Sozialwissenschaften – und das Leben aller – werden durch Entwicklungen der Medien grundsätzlich tangiert, so dass sich eine auf den ersten Blick ›exzentrische‹ Problematik als eine von allgemeiner Bedeutung erweist.

Sammelbesprechung

Dieter Nelles

Neuere Studien zur Geschichte des deutschen und internationalen Kommunismus (S. 47-57)

Forschungsbericht

Walter Gehres

Sozialisation, biografische Entwicklungen und das Jugendhilfesystem. Ein Bericht über Forschungen zur öffentlichen Sozialisation

Einzelbesprechungen

Elke Wagner

Über das Politische (Chantal Mouffe) (Seite 89-82)

Heinz Sünker

Der Gescheiterte Staat (Noam Chomsky) + Chomsky on MisEducation, edited and introduced by Donaldo Macedo (Noam Chomsky) (Seite 92-93)

Knut Berner

Jenseits der Gier. Vom Luxus des Teilens (Gertrud Höhler) (Seite 93-96)

Russell F. Farnen

Truth Seeking (George E. Lowe) (Seite 96-98)

Burkhard Müller

Das Soziale gestalten. Über Mögliches und Unmögliches der Sozialpädagogik (Tarek Badawia/Helga Luckas/Heinz Müller) (S. 98-101)

Miriam Haller

Zwischen/Räume. Eine empirisch-bildungstheoretische Studie zur ästehetischen und psychosozialen Praxis des Altentheaters (Ute Karl) (S. 101-103)

Fritz Böversen

Experiment versus Dogma. Francis Bacons Erkenntnis- und Lernprogramm (Sarah Keller) (S. 103-104)

Niels Rosendal Jensen

Perspectives on European Social Work: From the Birth of the Nation State to the Impact of Globalizartion (Walter Lorenz) (S. 105-107)

Sven Steinacker

Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik (Peter Wensierski) (S. 107-109)

Franz Hamburger

Was heißt und zu welchem Ene studiert man Sozialpädagogik? (Klaus Rehbein) (S. 109-110)

Dieter Stemmle/Umberto Blumati

Liebe, Macht und Erkenntnis. Silvia Staub-Bernasconi und das Spannungsfeld Soziale Arbeit (Beat Schmocker) (S. 111-113)

Armin Bernhard

Bildungspolitik und Bildungsforschung: Herausforderungen und Perspektiven für Gesellschaft und Gewerkschaften in Deutschland (Heinz Sünker/Ingrid Miethe) (S. 113-115)

Martin Endreß

Soziologie der Stunde Null. Zur Gesellschaftskonzeption des amerikanischen Besatzungsregimes in Deutschland 1944-1945/46 (S. 116-119)

Thomas Matys

Unequal Protection. The Rise of Corporate Dominance and the Theft of Human (Thom Hartmann) (S. 119-122)

Jürgen H. Raithel

Handbuch Psychologische Beratung (Christoph Steinebach) + Das Handbuch der Beratung. Band 2 (Frank Nestmann/Frank Engel/Ursel Sickendiek) (S. 122-126)

Hilla Peretz

»Women Principals in a Multicultural Society: New Insights into Feminist Educational Leadership« ( Izhar Oplatka/Rachel Hertz-Lazarowitz) (S. 126-128)

Lars Alberth

Über die emotionale Dimension sozialer Prozesse. Die Theorie der Affektlogik am Beispiel der Rechtsextremismus- und Nationalsozialismusforschung (Elke Endert) (S. 128-129)

Klaus Türk

Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren (Joachim Bauer) (S. 129-131)

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