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Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau – Heft 2/2007 (Nr. 55)

Literaturbericht

Armin Nolzen

» Alle absoluten Wahrheiten sind falsch«. Siegfried Kracauer als Beobachter der Massenkultur

Seit wenigen Jahren gibt es die Arbeit an der Herausgabe des Gesamtwerkes von Siegfried Kracauer (1899–1966), einem der wichtigsten Analytiker der Entwicklung zur Massenkultur in Deutschland und deren Durchsetzung in den USA. Armin Nolzen verortet Person und Werk in intellektuellen Diskursen, die – zwischen Georg Simmel und Theodor W. Adorno changierend – für das gesamte 20. Jahrhundert entscheidend waren. Er liest Kracauers Beiträge zu den verschiedensten Formen von Massenkultur (u.a. zu Filmen) als das Werk eines Pioniers, dessen Erträge erst mit der Herausgabe des Gesamtwerkes vollständig erkennbar werden. Gemäß dieser Einschätzung war Kracauer kein unpolitischer Diagnostiker, sondern jemand, der sich bereits sehr früh mit der »Völkischen Bewegung«, dem Beginn des Nationalsozialismus und den Folgen auseinandersetzte.

Rezensionsaufsätze

Bernhard Claußen

Pro und Contra Pädagogik der Disziplin – zur Regression und politischen Dimension im zeitgenössischen Erziehungsdenken (S. 19 ff.)

Bernhard Buebs »Lob der Disziplin« ist mit einer Verkaufsziffer von über 400.000 Exemplaren ein Massenkulturerfolg, der, so die prononcierte Analyse Bernhard Claußens – dabei auch die bereits in Buchform vorliegende Kritik aufnehmend – in einem reziproken Verhältnis zu seinem intellektuellen Ertrag steht. Die vorgelegte Rekonstruktion dessen, was man als Buebs »Argumentation« verstehen mag, erweist sich nicht nur in ihrer pädagogischen, sondern auch in ihrer politischen Kontextualisierung als äußerst problematisch. Verlängert sich doch hier eine in der deutschen politischen Kultur wohlbekannte Position des Autoritarismus, die auf eine politische Sozialisation nachwachsender Generationen in herrschaftlichem Interesse abzielt.

Michael Behnisch

Sozialpädagogik und Normalität oder: Vom (unsicheren) Leben in der Kurvenlandschaft (S. 43 ff.)

Aus einer anderen Perspektive nähert sich Michael Behnisch dem Versuch der Produktion von Normalität, wenn er Jürgen Links »Versuch über den Normalismus« vorstellt. Dem, was Link allgemein gesellschaftsanalytisch rekonstruiert, widmet er sich mit einem Anwendungsbezug, der die Bedingungen und Perspektiven von Sozialpädagogik ins Zentrum stellt. Dabei nimmt er die grundlagentheoretisch formulierten Herausforderungen auf und bezieht sie auf ein sozialpädagogisches Bedingungsgefüge, innerhalb dessen das moderne Subjekt, mit Risiko und Unsicherheit konfrontiert, sich immer wieder neu situieren muss.

Sabine Doyé

Marxismus und Wissenschaft. Hegels Logik und Marxens Kapital in neueren Studien (61 ff.)

Das Verhältnis von Hegel und Marx ist gesellschaftsanalytisch von grundlegender Bedeutung. Sabine Doyé nimmt das Erscheinen zweier Studien zum Anlass, die Debatte um die beiden Theoretiker historisch-systematisch zu rekonstruieren und zu verorten. In der Arbeit mit dem Kritikbegriff, so kann sie deutlich machen, liegt auch die gegenwärtige Herausforderung. Marx rezipiert den Hegelschen Kritikbegriff, den dann die Kritische Theorie in den Grundimpuls ihrer Positivismuskritik aufnimmt. Als Leitidee der Marxforschung reaktiviert, gibt ein komplementäres Dialektikverständnis die Grundlage für eine Kritik der politischen Ökonomie ab, die das ist, als was sie ursprünglich intendiert war: nicht positive Wissenschaft, sondern Kritik »objektiver Gedankenformen« als Fundament der Gesellschaftskritik.

Karl-Franz Kaltenborn

Zur Konstruktion von Wissen zur Sorge- und Besuchsregelung für Kinder aus geschiedenen Ehen (S. 79 ff.)

Neueren Entwicklungen der Normalität in Lebenslauf und Lebensphasen folgt der Text von Karl-Franz Kaltenborn, der sich der Debatte um die Sorge- und Besuchsregelung von Kindern aus geschiedenen Ehen widmet. Bekanntlich gibt es mehrheitlich wissenschaftlich höchst kontroverse Ergebnisse der Bearbeitung der Frage nach den Folgen von Scheidungsfolgen für Kinder, so dass eine ideologische Grundlegung häufig schon auf den ersten Blick erkennbar ist. Daher wird hier danach gefragt, wie es zur Konstruktion von Wissen über ein entscheidendes Element bei der Bestimmung von Kindeswohl kommt. Die vorgestellte Studie von Kerima Kostka vermag deutlich zu machen, dass und wie allgemeine Modelle der Regelung von Sorge- und Besuchsrecht begrenzt sind, wenn sie auf den jeweiligen Fall Anwendung finden. Dies führt zu der zwingenden Argumentation, dass die Partizipation von Kindern in Entscheidungsprozessen wesentlich ist, um tatsächlich »Kindeswohl« ins Auge zu fassen.

Sammelbesprechung

Jochem Kotthaus

Vernachlässigung, Misshandlung und Missbrauch. Vom sozialpädagogischen Umgang mit der Gewalt gegen Kinder (S. 87 ff.)

Der Frage der Konzeptualisierung von »Kindeswohl« geht auch Jochem Kotthaus in einer grundsätzlichen Auseinandersetzung mit aktuellen Neuerscheinungen zu den Themen »Vernachlässigung, Mißhandlung und Mißbrauch« nach. Seine Darstellung, die äußerst differenziert Forschungsergebnisse und Argumentationslogiken aus Theorie, Analyse und Praxis rekonstruiert, macht den state of the art in diesem Felde deutlich; deutlich wird zugleich auch weiterer Forschungsbedarf, um auf der Seite von Prävention und Intervention Anforderungen, die mit dem Begriff des Kindeswohls gesetzt sind, tatsächlich auch nachzukommen bzw. nachkommen zu können.

Forschungsbericht

Thomas Wagner

Vom »Gespenst« der Exklusion – Braucht die soziale Frage einen neuen Namen? (S. 97 ff.)

In einem großformatigen Angang entwirft Thomas Wagner ein Bild von einer Debatte, die Sozial- und Gesellschaftspolitik in Deutschland seit einigen Jahren wesentlich mitbestimmt, die Debatte um »Exklusion«. Mit diesem neuen Konzept verbinden sich nicht nur unterschiedliche Semantiken, sondern auch Auseinandersetzungen um Bedingungen und Perspektiven von Sozialpolitik und Sozialer Arbeit insgesamt. Gegenüber stehen sich – kurz gefasst – Positionen, die im Rahmen – häufig – modernisierungstheoretischer Diskurse Weiterungen für Sozialpolitik und Soziale Arbeit erkennen wollen; auf der anderen Seite befinden sich Positionen, die von einer Kontinuität der Sozialen Frage im Kapitalismus auch bei divergenten Erscheinungsformen ausgehen.

Trendbericht

Cornelia Schweppe/Sandra Hirschler

Internationalität und Soziale Arbeit – Eine Bilanz (S. 113 ff.)

»Internationalität und Soziale Arbeit – eine Bilanz« ist der Trendbericht betitelt, in dem Cornelia Schweppe und Sandra Hirschler eine Bilanz dessen ziehen, was sich an internationalen Bezügen in Debatten der deutschen Sozialen Arbeit auffinden lässt. Gerade weil zunehmend zu konstatieren ist, dass gesellschaftliche Entwicklungen Platz greifen, die den nationalstaatlichen und -gesellschaftlichen Referenzrahmen überschreiten und grenzübergreifend entwickelt werden, sollte die Rekonstruktion transnationaler Entwicklungen von ursprünglich an nationalgesellschaftliche Orte gebundene Wissens- und Handlungsformen quer zu alten Grenzen verlaufen und hierdurch ihren geographischen und sozialräumlichen Referenzrahmen erweitern. Auf der Basis einer weitgreifenden Materialanalyse stellt sich die Realität bezüglich der Situation in der deutschen Sozialen Arbeit allerdings anders dar. Vorherrschend sind hier wesentlich Beiträge, die einen additiven Charakter haben, also dem Internationalen mehrheitlich nicht entsprechen, sondern sich an einen nationalstaatlichen Referenzrahmen halten.

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