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Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau – Heft 2/2010 (Nr. 61)

142 Seiten, 20,00 Euro

Rezensionsaufsätze

Franz Hamburger

Über den Nationalstaat hinaus? (S. 5 ff.)

Mit dem westfälischen Frieden beginnt der Aufstieg der Nationalstaaten – mit allen bekannten Folgen (vgl. SLR  52): Als territoriale Herrschaftsform im Kontext von Kapitalisierung und Kriegen auf der einen Seite, als Raum für Zivilisationsentwicklung in der Übung des Zusammenlebens von Menschen auf der anderen. In seiner Diskussion zweier grundlegender Werke von Seyla Benhabib zu Kosmopolitismus, Demokratie und dem Umgang mit Nicht-Staatsbürgern, den sog. ›Anderen‹ (Ausländer, Migranten), rekonstruiert Franz Hamburger Möglichkeiten und Perspektiven einer universal ausgerichteten Menschenrechtsentwicklung, die nicht des Irrealismus geziehen werden kann.

Harald Seubert

Die Aporie einer phänomenologischen Anthropologie. Hans Blumenbergs großer
Nachlasstext (S. 13 ff.)

Mit ebenfalls grundlegenden Fragen von Gesellschaft und menschlicher Existenz, allerdings mit einer Akzentuierung auf Problemstellungen dessen, was philosophische Anthropologie (vgl. SLR 54) genannt ward – und stetig einer Aktualisierung in Bedeutung und Reichweite bedarf –, sind die beiden Texte von Harald Seubert und Matthias Wunsch befasst. Dabei setzt sich H. Seubert mit der posthum erschienenen großen Arbeit von Hans Blumenberg, Beschreibung des Menschen, auseinander und kontextualisiert sie detailliert vor dem Hintergrund der großen thematischen Auseinandersetzungen  und Konzeptbeiträge der zwanziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Er macht deutlich, dass und wie Blumenberg auch als Kritiker des gegenwärtig wieder hoch gehandelten Ansatzes von Anthropologie gesehen werden kann.

Matthias Wunsch

Philosophische Anthropologie und die Frage nach ihrem Identitätskern (S. 25 ff.)

M. Wunsch kann anhand der Darstellung wesentlicher Leitmotive und Argumentationsfiguren der Diskurse im Felde der Tradition der philosophischen Anthropologie, wie sie sich in einer großformatigen Studie zum Thema auffinden lassen, zeigen, mit welchen Voraussetzungen und Perspektiven diese einstmals führende Richtung in der Philosophie gearbeitet hat, wo Stärken und Schwächen liegen.

Jochem Kotthaus

Pädagogik und Demokratie (S. 35 ff.)

Einer Fortsetzung der ›Demokratie-Thematik‹ als Herausforderung von Pädagogik und Erziehungswissenschaft, wie sie vor allem durch Vertreter der Forderung nach ›mehr Disziplin‹ im Umgang mit der nachwachsenden Generation erhoben wird und wurde, widmet sich Jochem Kotthaus, wenn er als Gegenüberstellung dazu Beiträge aus dem Band »Demokratische Bildung oder Erziehung zur Unmündigkeit« als pädagogisch-politische Alternative rekonstruiert und die jeweilige gesellschaftstheoretische wie gesellschaftspolitische Verortung sowie die darin eingelassenen Interessen aufzeigt.

Ulrich Deppe

Kindheitsforschung in Deutschland (S. 41 ff.)

Die ›neue‹ – interdisziplinär ausgerichtete – Kindheitsforschung hat zwischenzeitlich international (vgl. SLR 60, 48) wie national einen Stand erreicht, der von einem erfolgreich durchgesetzten Paradigmenwechsel zu sprechen erlaubt. Ulrike Deppe kann anhand der neuesten Publikation zum state of the art der deutschen Kindheitsforschung, die unterschiedliche Repräsentanten versammelt, die Grundlegung wie Erträge einer nunmehr mehr als 30jährigen Arbeit mit vielfältigen Facetten herausstellen und weitere Perspektiven anbieten.

Martin Endreß/Stefan Nicolae

»Das Heterogene ist im Herzen der Dinge und nicht das Homogene« – Gabriel Tardes soziologische Perspektive (S. 49 ff.)

Martin Endreß und Stefan Nicolae stellen wesentliche Elemente des Werkes des französischen Soziologen Gabriel Tarde, dessen Bedeutung im Rahmen der Arbeiten B. Latours im letzten Jahrzehnt eine Renaissance erfahren hat, vor, um den LeserInnen einen Einstieg in diese Art von soziologischem Denken und Verfahren sowie ein eigenes Urteil zu erleichtern. Verorten lässt sich dieser Ansatz vor allem vor dem Hintergrund der Kontroverse Tardes mit dem Vorgehen von E. Durkheim.

Joseph Jurt

Soziale Differenzierung als Widerstand. Die Ausbildung einer Häftlingsgesellschaft in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern (S. 55 ff.)

Die Konzentrationslager im nationalsozialistischen Herrschaftsbereich waren bislang vor allem Gegenstand historischer Forschung. Joseph Jurt stellt eine der ersten soziologischen Studien dazu vor, in der die Häftlinge im Zentrum stehen. Er macht deutlich, dass hier zu recht – unter Nutzung von Konzepten von Bourdieu, Foucault, Goffman, Bauman und Dumont – die Einschätzung vertreten wird, diese hätten nicht, wie angesichts der Lagersituation häufig vermutet, eine amorphe Masse gebildet, sondern vielmehr ein System von sozialen Beziehungen herausgebildet, das auf Ähnlichkeiten und Unterschieden aufruhte und sich auch politisch artikulierte.

Sammelbesprechungen

Sven Steinacker

»Freiheit duldet keine Knechtschaft, aber auch keine Herrschaft« – Carl Albert
Loosli (1877 – 1959) (S. 62 ff.)

Sven Steinacker macht Leserin und Leser mit einer Schweizer Persönlichkeit, Carl Albert Loosli, bekannt, dessen gesammelte Werke in den letzten Jahren ediert wurden. Eine Übersicht seiner vielfältigen und widersprüchlichen ›Beurteilungen‹ und Charakterisierungen macht deutlich, dass mit ihm ein Intellektueller vorgestellt wird, dessen Wirken in der Schweiz von Gesellschaftspolitik und Soziologie bis zur Kunstpolitik reichte und in seinem Streiten für Menschenrechte und Demokratie kulminierte.

Rita Braches-Chyrek

Generationenverhältnisse in modernen Gesellschaften (S. 78 ff.)

›Generation‹ als analytische Kategorie ist seit Karl Mannheims Beitrag zum Thema ›in‹. Rita Braches-Chyrek stellt neuere Beiträge aus der Forschung vor und verdeutlicht, welche Ausdifferenzierungen in der Debatte um Generationenverhältnisse inzwischen vorgenommen wurden. Mit der Generationeneinheit sollen die Sozialisationsbedingungen von Individuen in einer sozialen Gruppe herausgestellt und ihre Reaktionen auf die Probleme in einer bestimmten Epoche als auch ihre Ver- und Bearbeitungsmöglichkeiten beschrieben werden. Perspektivisch geht es zudem verstärkt darum, generationale Ordnungen von Gesellschaft im Kontext von Machtverhältnissen zu analysieren.

Essais

Fernando Savater

Albert Camus: Ein Intellektueller gegen Angst und Indifferenz (S. 86 ff.)

Lou Marin

Camus und seine libertäre Kritik der Gewalt (S. 89 ff.)

John Clarke

So viele Strategien, so wenig Zeit … Zur Modernisierung des Hochschulwesens (S. 101 ff.)

Aus Anlass des 50. Todestages von Albert Camus, einer der selbst in der an Intellektuellen reichen Geschichte Frankreichs außergewöhnlichen Gestalt, fanden in Wuppertal Anfang dieses Jahres die »Internationalen Albert Camus Tage 2010« statt. Wir dokumentieren hier zwei der internationalen Vorträge von relevanten und bekannten Camus-Forschern, die von Fernando Savater und Lou Marin. Beide verorten – je auf eigene Weise in ihren Betonungen – Camus und seine vielgestaltigen Werke – von den Romanen bis zu den politischen Schriften – immer auch in zeitgenössischen Auseinandersetzungen um Gewalt, verteidigen seine Verteidigung der Gewaltlosigkeit; positioniert wird er dabei einmal im Kontext von libertären Gesellschaftsvorstellungen und zum anderen als kongenial an die Seite von George Orwell gestellt. Immer aber steht seine gegenwärtige Aktualität außer Frage. John Clarke nimmt die vielfältigen »Reformen« der Hochschulen zum Anlass, um zum einen grundsätzlich deren Neuordnung im Zusammenhang mit und in Abhängigkeit der Umbildung oder Rekonstruktion von (National-)Staat und Hochschulwesen zu analysieren. Einen anderen Zusammenhang stiftet die Rede von Studenten als »Konsumenten«, mit der akademische Arbeit den Bedingungen von Vermarktung und Warenförmigkeit untergeordnet werden soll. In Frage steht damit sowohl die Möglichkeit, Wissenschaft reell unter das Kapital zu subsumieren als auch die nach den Konsequenzen für die sich durchsetzenden Arbeitsbedingungen.

Einzelbesprechungen

Martin Allespach/Hilbert Meyer/Lothar Wentzel

Politische Erwachsenenbildung. Ein subjektwissenschaftlicher Zugang am Beispiel der Gewerkschaften (Helmut Bremer) (S. 116 ff.)

Boike Rehbein/Klaus-W. West

Globale Rekonfigurationen von Arbeit und Kapital (György Széll) (S. 119 ff.)

Günther Ortmann

Organisation und Moral. Die dunkle Seite (Thomas Matys) (S. 121 ff.)

Clemens Knoblauch

Wir sind doch nicht blöd! Die unternehmerische Hochschule (Frederik Dehnerdt) (S. 125 ff.)

André Turmel

A Historical Sociology of Childhood: Developmental Thinking, Categorization and Graphic Visualization (Jens Qvortrup) (S. 127 ff.)

Yvonne Raley/Gerhard Preyer

Philosophy of Education in the Era of Globalization (Micha Brumlik) (S. 129 ff.)

Peter Rieker

Rechtsextremismus: Prävention und Intervention. Ein Überblick über Ansätze, Befunde und Entwicklungsbedarf (Albert Scherr) (S. 131 f.)

Dieter Kreft/C. Wolfgang Müller

»Methodenlehre in der Sozialen Arbeit«. Konzepte, Methoden, Verfahren, Techniken (Ulrike Urban-Stahl) (S. 132 ff.)

Wolfgang Gippert/Petra Götte/Elke Kleinaus

Transkulturalität. Gender- und bildungshistorische Perspektiven (Klemens Ketelhut) (S. 134 ff.)

Joachim Münch/Irit Wyrobnik

Pädagogik des Glücks. Wann, wo und wie wir das Glück lernen (Nina Preis) (S. 138 ff.)

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