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Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau – Heft 1/2010 (Nr. 60)


Literaturbericht

Ludwig Heuwinkel

Zeitstrukturen, Zeitfolgen, Zeithandeln (S. 5 ff.)

»Zeit« ist immer mehr zu einer zentralen Kategorie von Gesellschaftsanalyse geworden. Soziale und technische Beschleunigungsprozesse verursachen zunehmende individuelle und gesellschaftliche Synchronisations- wie Koordinationsprobleme, aus denen sich vielfältige Zeitkonflikte entwickeln. Diese ergeben sich u.a. aus divergierenden Zeitvorstellungen der Akteure im Kontext sozialen Handelns und aus unterschiedlichen Zeitpräferenzen, Machtstrukturen und Rahmenbedingungen in Arbeit, Familie, aber auch Freizeit. Ludwig Heuwinkel nimmt neuere, verschiedenen Disziplinen zuzuordnende Veröffentlichungen zum Anlass für grundlegende Darstellungen und Diskussionen um Einsichten und Handlungsperspektiven.

Rezensionsaufsätze

Michael Buestrich/Norbert Wohlfahrt

Kapitalismus heute und Kapitalismuskritik (S. 25 ff.)

Kapitalismus als Begriff und Kapitalismusanalyse als Aufgabe einer kritischen Sozialwissenschaft haben im Rahmen der gegenwärtigen Wirtschafts- und Finanzkrise Konjunktur. Michael Buestrich und Norbert Wohlfahrt nutzen eine neue Studie über Bedingungen, Möglichkeiten und Perspektiven von heutiger Gesellschaftskritik, die bereits viel Aufsehen erregt hat, um unterschiedliche Dimensionen von Analyse wie von soziologischem Selbstverständnis zu diskutieren. Klar konturierte differente Herangehensweisen der Autoren dieser Studie – mit den Begriffen »Landnahme«, »Beschleunigung« und »Aktivierung« – unterstützen dieses Bemühen und verweisen auf Chancen einer kritischen Auseinandersetzung mit der Gegenwartsgesellschaft.

Wolfdietrich Schmied-Kowarzik

Von den Schwierigkeiten, den Kern der Marxschen Theorie zu finden (S. 40 ff.)

Kapitalismus und Kapitalismusanalyse im klassischen Sinne scheint auch Gegenstand jener Studien zu sein, deren Gehalt Wolfdietrich Schmied-Kowarzik kritisch diskutiert. Er handelt aber zunächst von den Schwierigkeiten, den Kern der Marxschen Theorie zu finden, da darin eingelassen auch die Begründung für eine materialistische Gesellschaftsanalyse sich findet. Dies ist u.a. gleichbedeutend mit einer Kritik an szientistischen Verkürzungen des Marxschen Vorgehens, die als Darstellung Kritik gesellschaftlicher Verhältnisse ist.

Harald Seubert

Säkularisierung und Gesellschaftsentwicklung (S. 46 ff.)

Gesellschaftsanalyse und ihr Verhältnis zur Gesellschaftspolitik thematisiert – in anderer Weise – Harald Seubert, wenn er in einem großformatigen und tiefgehenden Zugriff die voluminöse Studie von Ch. Taylor zum Thema »Säkularisierung « facettenreich vorstellt und in ihrer Logik zu dechiffrieren trachtet. Was auf den ersten Blick nur als (religions)philosophisches Problem erscheinen mag, ist in Wirklichkeit zugleich ein eminent gesellschaftspolitisches Problem. Am Ende geht es um die Frage nach den Bedingungen der Möglichkeit von Modernität, damit von Vernunft und Selbstbestimmung.

Lothar Quandt

Korruption als Chance gesellschaftlicher Evolution? (S. 63 ff.)

Politisch, wenngleich aus einer wiederum anderen Perspektive, werden Gesellschaftsverhältnisse thematisch, wenn Lothar Quandt Korruption – auf den ersten Blick verblüffend – in den Zusammenhang mit der Frage nach gesellschaftlichen Entwicklungsprozessen stellt. Gegen eine vorschnelle Moralisierung dieses Handlungstypus diskutiert er – aus systemtheoretisch inspirierter Sicht – mögliche gesellschaftliche Verortungen in Gesellschaft entwickelnder Weise.

György Széll

Modernisierung in (Süd-)Korea – Gewalt und Globalisierung (S. 68 ff.)

Wie sich eine konkrete Gesellschaft, Korea, tatsächlich im Rahmen von Gewalt und Globalisierung entwickelt und verändert, entfaltet György Széll anhand zweier Studien, die Einblicke in Realitäten dieses wesentlichen Mitgliedes der ›asiatischen Tiger‹ bieten. Als Folge von Kaltem Krieg und Spaltung des Landes zeigen sich weitere Spaltungen in ökonomischen, sozialen und kulturellen Bereichen, die Lebensbedingungen unmittelbar wie vermittelt (be)treffen.

Tom Cockburn

Childhood Studies (S. 74 ff.)

Immer, wenn wissenschaftliche Paradigmen sich durchgesetzt haben, beginnt die Phase der Produktion von Handbüchern, in denen das neue Wissen und der state of the art einer Wissenschafts- wie Forschungslandschaft (kodifiziert?) dargestellt werden. Tom Cockburn rekonstruiert ihm wesentliche Entwicklungs- und Diskussionslinien wie Ergebnisse der Kindheitsforschung, wie sie sich ihm im »Palgrave Handbook of Childhood Studies« darstellen. Dabei werden Logiken einer Entwicklung wie thematische Schwerpunktsetzungen, aber auch Desiderate, die für die Weiterarbeit relevant sind, erkennbar.

Sammelbesprechungen

Klaus Kraimer

Lebensalter und Soziale Arbeit (S. 79 ff.)

Unter der Überschrift »Lebensalter und Soziale Arbeit« werden sechs Bände versammelt, die von Kindheit bis zu alten Menschen aus der Sicht von Profession und Disziplin der Sozialen Arbeit Grundlegendes an Theorie, Empirie und Praxis verhandeln und vermitteln wollen. Klaus Kraimer stellt die Ergebnisse dieses Unternehmens en Detail vor und macht deutlich, wie ein bestimmtes Können mit einem Wissen Sozialer Arbeit vermittelt ist. Einsichtig wird, wie weite Bereiche der Forschungs- und Interventionsgegenstände Sozialer Arbeit in lebenslaufsanalytischer Perspektive sich aufschließen lassen.

Jacob Kornbeck

Holy Sparks, Political Correctness oder Common Sense? Zur Anerkennung spiritueller Perspektiven in der Sozialen Arbeit (S. 90 ff.)

Handeln in der Sozialen Arbeit in anderer Art und auf andere Weise ist das Thema der Ausführungen von Jacob Kornbeck, der sich – auch im Anschluss an die den SLR-LeserInnen bereits wohlbekannte Position von Ph. Wexler für Erziehungswissenschaft und Gesellschaftsanalyse – mit »Spiritualität « in der Sozialen Arbeit befasst. Damit nimmt er eine Perspektive auf, die, auch vor dem Hintergrund der im ersten Teil dieser Ausgabe abgehandelten Problemstellungen einer der Gegenwart angemessenen kritischen Gesellschaftsanalyse, nicht von vornherein einfach abgelehnt werden sollte, sondern einer genauen Prüfung hinsichtlich ihrer gesellschaftlichen wie individuell zu verortenden Begründung(en) wie Folgen bedarf.

Essay

Michael Winkler

Freiheit/Zwang/Objektivität/Leere/Subjektivität/Abrichtung (S. 97 ff.)

Der ›großen‹ Aufgabe der Theoriearbeit in Sozialer Arbeit und Gesellschaftsanalyse in heutiger Zeit, Fragen von deren Vermittlung und Vermitteltheit, den Konsequenzen für Theorie- wie Praxisperspektiven widmet sich der grundlegende Essay von Michael Winkler. Dabei ist ihm darum zu tun, die Folgen eines neuen Modus von Sozialisation für individuelle Existenz, damit die Möglichkeiten bzw. Notwendigkeiten verschiedener Arten von Sozialarbeit und Sozialpädagogik, kritisch zu entziffern. Wenn in postmodernen Gesellschaften Erziehung/Bildung im Interesse herrschender Ökonomie wie Politik zur Selbstregierung als Anpassung des Einzelnen an die (vor)herrschenden Verhältnisse führen soll, dies bei Bewusstsein von Freiheit und Selbstbestimmung, dann muss sich Soziale Arbeit entscheiden, ob sie dieser Vorgabe dienen oder die Entwicklung von Widerständigkeit als Verteidigung von Humanität zum Ziel erheben will. Das Leitmotiv der Aufklärung, Autonomie versus Heteronomie, bleibt damit allen geschichtlichen Widersprüchen in der Realgeschichte zum Trotz aktuell.

Einzelbesprechungen

Wilma Aden-Grossmann

Berthold Simonsohn. Biographie des jüdischen Sozialpädagogen und Juristen
(Susanne Maurer) (S. 115 ff.)

Francois Dubet

Ungerechtigkeiten. Zum subjektiven Ungerechtigkeitsempfinden am Arbeitsplatz
(Frank Düchting) (S. 118 ff.)

Ari Antikainen/Paivi Harinen/Carlos Alberto Torres

In From the Margins. Adult Education, Work and Civil Society (Catherine Casey) (S. 120 ff.)

Rolf-Torsten Kramer/Werner Helsper/Sven Thiersch/Carolin Ziems

Selektion und Schulkarriere. Kindliche Orientierungsrahmen beim Übergang in die
Sekundarstufe I (Tanja Betz) (S. 123 ff.)

Michael Behnisch/ Michael Winkler

Soziale Arbeit und Naturwissenschaft – Einflüsse, Diskurse, Perspektiven
(Erich Hollenstein) (S. 126 ff.)

Michael Matzner/Wolfgang Tischner

Handbuch Jungen-Pädagogik (Alfred K. Treml) (S. 128 ff.)

Carola Podlich

Selbstgewolltes Leisten. Der Einfluss sportlicher Bewegungsaktivitäten auf das
Selbstkonzept von Kindern (Tim Bindel) (S. 131 ff.)

Klaus Auf dem Garten/Peter Kuckuk

Bürgerliche Jugendbewegung in Bremen. Vom Wandervogel zur Bündischen
Nachkriegsjugend (1907-1960) (Franz Josef Krafeld) (S. 133 ff.)

Elmar Altvater u.a.

Privatisierung und Korruption: Zur Kriminologie von Globalisierung, Neoliberalismus und Finanzkrise (Dreger van Guerre) (S. 135 ff.)

Manfred Gehrmann

Die Überwindung des ›Eisernen Vorhangs‹. Die Abwanderung aus der DDR in die
BRD und nach West-Berlin als innerdeutsches Migranten-Netzwerk (Katja Böhme) (S. 137 ff.)

Riccardo Bavaj

Von links gegen Weimar. Linkes antiparlamentarisches Denken in der Weimarer Republik (Hartmut Rübner) (S. 139 ff.)

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