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Sozialwissenschaftliche Literatur Rundschau – Heft 2/2009 (Nr. 59)


Rezensionsaufsätze

Harald Seubert

Nachmetaphysisches Denken und die pragmatische Wende Kritscher Theorie (S. 5 ff.)

Seit 1971 hat Jürgen Habermas zentrale Themen seiner Arbeiten nicht in Büchern, sondern in Aufsätzen abgehandelt. Eine fünfbändige Ausgabe seiner »Philosophischen Texte« – aus Anlass seines 8o. Geburtstages zusammengestellt – lässt eine umfassende Perspektive auf Leitmotive seines Denkens zu. Harald Seubert unternimmt eine großformatige Würdigung von Habermas früher, linguistisch sprachphilosophischer Wendung und der Ausarbeitung einer konsenstheoretischen Wahrheitskonzeption. Weiterhin stehen Diskursethik und Politische Theorie einer deliberativen Demokratie, aber nicht zuletzt die fundamentalphilosophischen Grundfragen eines nachmetaphysischen, doch nicht defaitistischen Vernunftkonzepts im Fokus. Leitend ist die Frage, ob und inwiefern Habermas wesentliche Positionen  Kritischer Theorie der ersten Generation der Frankfurter Schule transformiert, aber fortschreibt oder aber neutralisiert.

Armin Nolzen

Ranke redivivus (S. 19 ff.)

Die Geschichte, insbesondere die Gesellschaftsgeschichte des Nationalsozialismus stellt bis heute eine entscheidende Herausforderung für Geschichtsschreibung dar. Auf diesem umkämpften Terrain besetzen mit Tim Mason, Ian Kershaw und Richard Evans mindestens drei angelsächsische Historiker der älteren wie mittelalten Generation Positionen, deren Beiträge zu diesem Thema als grundlegend und häufig innovativ anzuerkennen sind. Letzterer hat nun eine fast 3000 Seiten umfassende Gesamtdarstellung des NS vorgelegt, die Armin Nolzen – zugleich ein Vertreter der jüngeren deutschen Historiographie des NS – kritisch vorstellt. Seine Darstellung vermittelt Fragen der Möglichkeiten von Geschichtsschreibung heute mit Fragen des Umgangs mit dem Gegenstand NS.

Nadine Günnewig

Soziale Arbeit in Gesellschaft (S. 35 ff.)

»Soziale Arbeit in Gesellschaft« ist der Band betitelt, mit dem Hans-Uwe Otto im Alter von  68 Jahren in den nicht einmal vorübergehenden Ruhestand verabschiedet und als Senior Research Professor an der Universität Bielefeld begrüßt wurde und an dem Nadine Günnewig den Entwicklungsstand einer sozialwissenschaftlich orientierten Sozialen Arbeit demonstriert, in der die Gesellschaftlichkeit von Gegenstandskonstitution und Praxisformen im Zentrum steht. Auseinandergelegt bedeutet dies, sich mit Disziplin, Profession, Forschung, Politik und Praxis aus unterschiedlichsten Perspektiven auseinanderzusetzen und den Wohlfahrtsstaat strukturell im Interesse einer Beförderung der autonomen Lebenspraxis aller zu hinterfragen, also ihn sowohl zu kritisieren als auch zu verteidigen.

Veronika Hammer/Mario Rund

Kompetenzen und Praxisforschung im Sozialraum (S. 47 ff.)

»Sozialraumforschung« als Fundament einer Sozialraumorientierung kann eine Voraussetzung kritischer Praxis der Sozialen Arbeit sein. Veronika Hammer und Mario Rund stellen Ansätze und Ergebnisse der ersten beiden Bände einer neuen Reihe zum Thema vor und diskutieren dabei in emanzipatorischer Absicht vor allem einmal die Frage von Partizipationsmöglichkeiten in ihren unterschiedlichen Aspekten und des Weiteren die Chancen von Praxisforschung.

Heinz-Elmar Tenorth

Kulturkritik (S. 52 ff.)

Kulturkritik, so Heinz-Elmar Tenorths Einschätzung anlässlich der neuesten Studie zum Thema, zählt zu den viel praktizierten Denkformen der Pädagogik, die aber bisher erstaunlicherweise kaum aus der Distanz betrachtet und analysiert wurde. Angesichts des großen historischen und theoretischen Ertrags gewinnt damit die Studie Bollenbecks, in der Geschichte und Systematik verknüpft wurden, eine große allgemeine kultur- und sozialwissenschaftliche Relevanz. Denn Kulturkritik wird als ein »Reflexionsmodus der Moderne« analysiert, der »Haltungen, Wert- und Wissensformen« zur Einheit bündelt, dabei theoretisch nicht stark ist, praktisch und politisch aber offenbar so unvermeidbar wie unverzichtbar scheint.

Sammelbesprechungen

Christian Niemeyer

Völkische Bewegung und Nationalsozialismus im Kontext von Jugendbewegung
und Pädagogik (S. 57 ff.)

Von Kulturkritik und der Vorgeschichte des Nationalsozialismus handelt der Text von Christian Niemeyer, der neuere Publikationen zur völkischen Bewegung im Kontext von Jugendbewegung und Pädagogik vorstellt. Deutlich wird, wie gesellschaftsgeschichtlich und professions- wie disziplingeschichtlich bedeutsam die Thematisierung des ›Völkischen‹ im Kontext der in der Geschichtsschreibung immer wieder ›zu retten‹ gesuchten Jugendbewegung wie der geisteswissenschaftlichen Pädagogik – mit Spranger, Nohl, Weniger und Petersen – gewesen ist.

Hartmut Rübner

Rituale des Widerstands oder stilisierte Rebellion. Dokumentarische und
prosopographische Zugänge zum Punk (S. 62 ff.)

Mit einer Jugendbewegung andrer Art ist Hartmut Rübner befasst, wenn er neue Beiträge zur Punk-Bewegung und deren Geschichte unter der Überschrift »Rituale des Widerstands oder stilisierte Rebellion« diskutiert. Auch er ist an einer gesellschaftsgeschichtlichen Rekonstruktion einer Jugendbewegung interessiert, an der sich die Widersprüche von Widerständigkeit und Warenförmigkeit in der Kulturindustrie besonders eindringlich demonstrieren lassen.

Alexandra König

Jugend und Arbeit (S. 69 ff.)

»Jugend und Arbeit« war einstmals ein klassisches Thema in Jugendforschung und Jugendhilfe. Wie Jugendliche heute den Übergang von der Schule in eine Ausbildung bzw. von der Ausbildung in einen Beruf gestalten (können), welche Barrieren es gibt (objektiv wie subjektiv), welche Wege sich öffnen oder schließen, welche Unterstützungsstrukturen der Jugendhilfe und anderer Förderung sich ihnen anbieten, all dies präsentiert Alexandra König in ihrem weitgreifenden Text, der Ergebnisse neuer Beiträge zu dieser Thematik abhandelt.

Forschungsbericht

Christian Alt/Andreas Lange

Kindheitsforschung heute – ein Perspektivenwechsel (S. 79 ff.)

Christian Alt und Andreas Lange rekonstruieren in einem weitreichenden Zugriff neue methodische und inhaltliche Entwicklungen der aktuellen Kindheitsforschung, in der zwischenzeitlich – und seit der SLR Heft 25 wird dies kontinuierlich bedacht – ein reicher Fundus an Daten qualitativer wie quantitativer Art zu unterschiedlichen Lebensbereichen von Kindern aus deren Perspektive gesammelt wurde. Sozialberichterstattung über Kinder und ihre Kindheit(en) stellt für die Autoren eine »angewandte Kindheitsforschung« dar, die auch zum Ziel hat, politisch Verantwortlichen Daten und Handlungsempfehlungen zur Gestaltung der Lebensbedingungen der Kinder zur Verfügung zu stellen. Als Beispiele für solche Ansätze werden die World Vision Studie, das Kinderpanel des DJI, das LBS-Kinderbarometer und die ZDF-Glücksstudie entlang gemeinsamer thematischer Auswertungsschwerpunkte dargestellt. Dies endet in Vorschlägen zur konzeptionellen Weiterentwicklung einer Sozialberichterstattung über Kinder und ihre Kindheit(en), die diesen Namen verdient.

Essay

Manfred Liebel/Iven Saadi

Partizipation von Kindern vor der Herausforderung kultureller Vielfalt (S. 93 ff.)

Manfred Liebel und Iven Saadi diskutieren die Frage von Partizipationsrechten von Kindern – wie sie in der UN-Konvention für die Rechte des Kindes aufzufinden sind – in einer neuen Sichtweise im Kontext von kultureller Vielfalt. Dabei gehen sie aus von kulturell differenten Konstruktionen von »Kind«. Gegenüber gestellt werden Bilder vom Kind: als individuelles Wesen bzw. als Mitglied von Gemeinwesen. Neben unterschiedlichen Bezügen auf generationale Ordnungen ergeben sich hieraus auch sehr verschiedene Erwartungen an das, was Kinder ›leisten‹ sollen. Daher wird gefragt, ob die Partizipationsrechte der Kinderrechtskonvention in einem interkulturellen Sinn verstanden und umgesetzt werden können, welche Konsequenzen sich für das Kindern jeweils zugebilligte Handeln ergeben kann.

Einzelbesprechungen

Karl-Heinz Dammer

Zur Integrationsfunktion von Erziehung und Bildung. Historisch-systematische Studie zu einem »blinden Fleck« der bürgerlichen Gesellschaft und ihrer Pädagogik (Sven Kluge)

Hans Thiersch

Schwierige Balance. Über Grenzen, Gefühle und berufsbiografische Erfahrungen (Ulrich Steckmann)

Alice Salomon

Lebenserinnerungen. Jugendjahre. Sozialrefom. Frauenbewegung. Exil (Rita Braches-Chyrek)

Bent Flyvbjerg

Making Social Science Matter: Why Social Inquiry Fails and How It Can Succeed Again (John Clarke)

Christian Schmid

Stadt, Raum und Gesellschaft. Henri Lefebvre und die Theorie der Produktion des Raums (Sven Huber)

Günter Dux

Warum denn Gerechtigkeit? Die Logik des Kapitals. Die Politik im Widerstreit mit der Ökonomie (Klaus Türk)

Meike Sophia Baader

»Seid realistisch, verlangt das Unmögliche«. Wie 1968 die Pädagogik bewegte

Detlef Siegfried

Sound der Revolte. Studium zur Kulturrefom (Sven Steinacker)

Jane L. Collins/Micaela di Leonardo and Brett Williams

New Landscapes of Inequality: Neoliberalism and the Erosion of Democracy in America (John Clarke)

Moshe Zuckermann

Sechzig Jahre Israel. Die Genesis einer politischen Krise des Zionismus (Micha Brumlik)

Angela Keppler

Mediale Gegenwart. Eine Theorie des Fernsehens am Beispiel der Darstellung von Gewalt (Claudia Schertges)

Klaus Gietinger

Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere (Joachim Schröder)

Alexander Lenger

Die Promotion. Ein Reproduktionsmechanismus sozialer Ungleichheit (Andrea Lange-Vester)

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